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So lasset sie uns erzählen, die
Mär vom gefallenen König Manfred.
Es begab sich vor nicht allzu langer Zeit in einem kleinen
beschaulichen Städtchen namens Ettlingen zu Füßen der schönen Schwarzwaldhöhen.
Dort machten sich eines Tages zwei wackere Burschen auf, die
ein glückliches Geschick zusammengeführt hatte, um in der
Welt des Wirtschaftens ihr Glück zu suchen.
Manfred, so wurde einer der beiden genannt, war fest
entschlossen, Berühmtheit zu erlangen.
Hatte er noch bis zu jenen Geschehnissen, von denen es hier zu
berichten gilt, sein Auskommen mit dem Handeln von glänzendem
Entsorgungsgut oder motorisierten Fahrzeugen gesucht, stieß
er anno 1985 auf ein verblichenes Papier, welches einem
mutigen Recken Lohn und Brot versprach.
Mit
Hilfe seines Freundes Klaus ging er sogleich daran, den Schatz
zu bergen.
Sie begannen also frohen Mutes, in der dunklen Erde zu graben.
Doch reichte den eifrigen Mannen die bescheide Entlohnung
ihrer Mühen nicht. Ließ es sich doch viel mehr des glänzenden
Mammons verdienen!
So nahm das Schicksal seinen Lauf.
Ein Circus Maximus begann fortan die Menschen zu verführen,
in dem der ungekrönte König Manfred als begnadeter Magier
riesige Bohrgeräte erscheinen und wieder verschwinden ließ.
Der Zauber war so perfekt, dass die auf den Rängen sitzenden
Hüter des Geldes nicht den Hauch eines Zweifels über die
Existenz dieser Maschinen hatten.
Binnen weniger Jahre avancierte er, zusammen mit seinem
kongenialen Partner Klaus, zum gefeierten Star in der
Wirtschaftsmanege.
Unablässig ließ der schwergewichtige Zirkusdirektor Manfred
Puppen und Maschinen tanzen, inszenierte eine gekonnte
Luftnummer nach der anderen.
Doch wie es sich für einen braven Regenten geziemt, fühlte
er sich daneben auch dem Gemeinwohl verpflichtet und
unterstützte großzügig kulturelle Veranstaltungen.
Viele
wollten an Ruhm und Ehre teilhaben und trugen bereitwillig ihr
finanzielles Scherflein zum Gelingen des gigantischen
Blendwerks bei.
Den Luftschlössern folgten bald ganz und gar irdische
Immobilien und dies nicht zu knapp.
Aufgestiegen zum lokalen Krösus, schuf sich Manfred sein
eigenes Märchenreich mit Herrschaftssitzen in aller Welt. Und
gesellschaftliche und politische
Prominenz, der er sich doch immer zugehörig fühlte,
krönten sein Wirken mit dem Glanze ihrer Anwesenheit und
verbalen Lobpreisungen.
Das Ganze gipfelte in einer grandiosen Geburtstagsfeier auf
dem prunkvollen Anwesen des Sonnenkönigs in Durlach.
..Doch plötzlich zogen über dem Reiche des Monarchen dunkle
Wolken auf!
Im ganzen Land verbreitete sich die üble Kunde, dass hinter
den glänzenden Fassaden Lug und Trug beheimatet seien. Der
Zirkus wäre in Wahrheit ein potemkinsches
Dorf, der Reichtum stünde auf
tönernen Füßen.
Und tatsächlich: im Lichte der genauen Prüfung zerplatzten
die Traummaschinen und fielen als profane Typenschilder
scheppernd auf den harten Boden der Tatsachen.
O weh, welch infame
Hinterlist von König Manfred und Konsorten!
Die empörten Bundesgenossen kündigten sogleich dem Regenten
die Gefolgschaft.
Unvermittelt
verwandelte sich die Schar seiner Gläubigen in die Meute
seiner Gläubiger, schrieen
Zeter und Mordio und
suchten Haut und Hab zu retten.
Die charakterlosen Gesellen wurden schließlich verhaftet und
ins Verlies geworfen.
Dabei hatten die beiden Herren doch eigentlich nur dem Geiste
der Zeit Rechnung getragen und hatten kurzerhand ein fast gänzlich
virtuelles Unternehmen etabliert.
Denn
gerade mit nicht existenten Maschinen betrieb unser
Firmenregent Manfred sein überaus lukratives Geschäft. Er
verkaufte kurzerhand diese Maschinenphantome an Leasinggesellschaften
und mietete sie unter anderem Firmennamen wieder von
diesen zurück. Durch sorgsamer Hände
Planung fassten sich unzählige Unternehmen bei den Händen
und bildeten einen Kreis, in dem die Gelder immer schneller
rotierten.
Den
nicht vorhandenen Produktionsmitteln standen ja schließlich
reale Gelder gegenüber, und die flossen reichlich!
Doch
entwickelte das ganze Geschehen mit der Zeit eine
Eigendynamik, in dessen Mittelpunkt am Ende der arme Manfred
mit seinen Typenschildern stand. Zwar erhielt er für seine
imaginären Geräte den Kaufpreis, hatte allerdings
gleichzeitig die monatlichen Leasingraten
zu berappen.
Um nicht aufzufliegen, musste immer neues Kapital aufgetrieben
werden.
Nun, im Jahre 2001 wurde dem Zirkusdirektor und seinem geschäftlichen
Begleiter schließlich der Prozess gemacht.
Doch
ein ganz anderer Manfred trat da vor die gestrengen Richter:
Die doppelte Metamorphose, vom Gebrauchtwarenhändler zum
Sonnenkönig und vom gefeierten Herrscher zum armen Sünder
war nicht spurlos an ihm vorübergegangen.
Seiner
Leibesfülle beraubt, begann Gericht und Öffentlichkeit sogar
ernstlich an seinem Verstand zu zweifeln! Der amtlich
bestellte Gutachter allerdings konnte keine gravierende
Beeinträchtigung seiner Psyche feststellen und erklärte ihn für voll schuldfähig.
Zu Beginn des Prozesses versuchten noch emsige Advokaten, mit
Befangenheitsanträgen und taktischen Finessen den
juristischen Fortgang der Dinge zu verzögern.
Doch plötzlich änderte sich die Atmosphäre!
Mea culpa, maxima culpa, hallte es plötzlich durch die
geheiligten Hallen.
Die Hauptangeklagten schlugen sich allesamt an die verhärmte
Brust, bestritten vehement die Deckung durch Behörden und Prüfer
und hofften so auf ein mildes Urteil.
Auch wurden die Beteiligten nie müde zu beteuern, bis zuletzt
die Hoffnung auf eine wundersame Wende zum Legalen gehabt zu
haben.
Hatten sie doch versucht, mit einem Big-Deal über die
genarrte Dresdner und Commerzbank eine Anleihe in Höhe von
300 Millionen Euro auf dem Kapitalmarkt zu platzieren, um
damit die finanzielle Läuterung zu schaffen..
Aber,
wie sattsam bekannt, wurde aus dem Geschäft leider nichts
mehr.
Schenkt man den Worten der Angeklagten glauben, so hatten sie
schrecklich unter der unerträglichen Situation gelitten.
Dies
hatte den, nach eigenem Bekunden von Gewissensbissen
gepeinigten, Finanzmagier Manfred allerdings nicht
davon abgehalten, ein fast barock anmutendes Herrschaftsleben
zu führen.
Nun, dank der Selbstbezichtigungen wurde aus der befürchteten
Mammutverhandlung ein kurzer Prozess.
Doch die Absolution wollten und konnten die Richter nicht
erteilen. Stattdessen verhängten sie für Wirtschaftsdelikte
gar drakonische Strafen. Der zum Sünder gewordene König
erhielt zwölf Jahre, sein Genosse 9 Jahre und 6 Monate
Kerkerhaft.
Aber,
wie wird es wohl unserem entthronten Wirtschaftsadligen
Manfred weiter ergehen?
Falls man die Phantasie ein wenig bemühen darf, so ließe
sich vermuten, dass
er nach einigen Jahren, der guten Führung wegen, die
Privilegien eines Freigängers genießen dürfte.
Und
wenn er dereinst gänzlich entlassen wird, so läge es
durchaus im Bereich des Denkbaren, dass sein Stolpern in
freiheitliche Gefilde von einem weichen Polster aufgefangen
werden könnte, welches ihm eine treu sorgende Ehefrau mit den
geretteten Millionen dann trefflich bereitet hätte.
Und nicht zuletzt harren wohl auch schon diverse Fernseh- und
Filmverträge der Ratifizierung durch den Gefallenen.
...Und eine
literarische Aufarbeitung des Märchens, natürlich gegen
entsprechende Aufwandsentschädigungen, wird sich angesichts
ähnlicher Vorkommnisse in der Vergangenheit in der Konsequenz
wohl nicht vermeiden lassen.
BM.
PS:
Die Hauptakteure sind also gerichtet und man könnte
eigentlich das Geschehene seiner weiteren,
hoffentlich umfassenden und gerechten, juristischen
Aufarbeitung überlassen (insgesamt sind noch mehr als 40
Verfahren anhängig und die Rolle der Finanzbehörden muss
ebenfalls noch aufgeklärt werden), wären da nicht noch
einige andere Facetten dieses Falles!
Unter
anderem geriet wieder einmal das Gebaren von Finanziers und
Wirtschaftsprüfern in den
Blickpunkt der Öffentlichkeit. Erneut musste sich der
verblüffte Zeuge der Ereignisse fragen, wie
ein solch imposantes Betrugsgebäude unter den
gestrengen Augen der Investoren und Kontrolleure errichtet
werden konnte.
Im Endeffekt unbeachtet bleiben auch wieder einmal die
Einzelschicksale der ehemaligen Mitarbeiter, 4000 insgesamt. Während
sich die Initiatoren des Verbrechens eines enormen
Medieninteresses erfreuen, scheint von ihnen niemand mehr zu
reden.
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