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| KULTUR:
Essay |
Der pervertierte Blick
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oder die blinden Augen der Welt
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Ein
hastiger Blick streift die Welt des Grauens.
Sein Gestus des Unaufmerksamen, sein mangelndes
Verharren, seine flüchtige Rezeption, entwertet die
Objekte der Betrachtung, kränkt die Authentizität der
Ereignisse, löscht gar ihre Wirklichkeit, ihr Dasein
aus.
Diese Um-Entwertung vollzieht ein, dem Menschen
eigenes, psychisches Immunsystem, welches den Bildern
die emotionalen Kräfte raubt, sie
in eine Warteschleife im kühlen Orbit der
aufgeschobenen Anteilnahme leitet, um sie dann beim
Eintritt in den Ereignishorizont des Bewusstseins,
unweigerlich verglühen zu lassen.
Fast scheint es, als erzeuge die Psyche eine kalt
brennende Reibung zwischen Realität und Wahrnehmung,
welche das Schockierende deformiert und es für eine fühlende
Anteilnahme unkenntlich zu machen sucht.
Der gefährdete Geist entledigt sich auf diese Weise dem
unaufhörlichen Bedrängen durch die mediale Existenz
des allgegenwärtigen Schreckens.
In den Trainingslagern der Moderne, den Massenmedien,
schulen sich Verstand
und Seele, um gegen das Aufbegehren anderer Welten
gewappnet zu sein.
Sie erwerben dort das sensorische Instrumentarium um
sich den Zumutungen des Unerträglichen entziehen zu
können.
In unserer Medienwirklichkeit wird das Unfassbare in die
banale Peripherie des Alltäglichen eingebettet, welche
als Gegengewicht der visuellen Normalität das Tragische
löschen muss. Die Versatzstücke
des Konsums drängen sich an uns heran, zwängen
sich in die Rezeption, um einen Frieden mit der Welt zu
stiften, der entlastet. Sie erzeugen einen Pluralismus
der Bilder, welcher kein Grauen, kein Schrecken
privilegiert.
Der chilenische Künstler Alfredo Jaar begibt sich
sehenden Geistes in die Unerträglichkeit des Dortseins.
Er sucht die Orte auf, gibt Namen, beschwört die
Atmosphäre der Katastrophe.
Zerrt an den Ketten des versklavten Blicks.
Zeigt Augen, Ohren, Hände, Erde, Himmel.
Staut für Momente Bilder in visuellen und emotionalen
Bassins, die sonst in einer endlos stürzenden Kaskade
unaufhörlich weiter strömen würden.
Er generiert den flehenden Imperativ des Schau hin
und bleibe!
..für einen Moment,
..für
einen Augenblick des Interesses,
..des seelischen Konflikts,
..der
Betroffenheit.
Denn im Aushalten gilt es, die Humanität des
Sehens zu bewahren.
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süß
ists, anderer Not bei tobendem Kampfe
der Winde
auf hochwogigem Meer vom fernen Ufer zu
schauen;
Nicht als könnte man sich am Unfall
anderer ergötzen,
sondern dieweil man es sieht, von
welcher Bedrängnis man frei ist
Lucrez
(Titus Lucretius Carus ca. 97-55 v.
Chr.) |
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